Samstag, 27 Februar 2021 13:30

Wie Amerikas Superstars den Basketball ans Haff brachten

geschrieben von Pressewart GW
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Rekordverdächtig: Mehr als 100 Fans verfolgten das letzte Liga-Heimspiel der „BallRox“ vor der langen Zwangspause. Befürchtet wird, dass dieser Hype nach dem Lockdown vorbei sein könnten. Foto: Andy Bünning Rekordverdächtig: Mehr als 100 Fans verfolgten das letzte Liga-Heimspiel der „BallRox“ vor der langen Zwangspause. Befürchtet wird, dass dieser Hype nach dem Lockdown vorbei sein könnten. Foto: Andy Bünning

NORDKURIER – HAFF-ZEITUNG – SAMSTAG, 27. FEBRUAR 2021

BASKETBALL

Basketball galt zu DDR-Zeiten als Sportart ohne Chance auf Olympia-Medaillen und erhielt daher keinerlei Förderung vom Staat. Nach der Wende sorgte jedoch gerade ein spezielles olympisches Turnier für einen regelrechten Basketball-“Boom“ in der Region. Guido Winter, Ueckermünder Korbjäger seit der ersten Stunde, kann sich erinnern, weiß aber auch, dass ein Hype schnell vorbei sein kann.

Für das Nordkurier-Foto nahm Guido Winter zum ersten Mal im Jahr 2021 einen Basketball in die Hand. „Die Luft ist raus“, bemerkte der 44-Jährige – was sowohl für den Ball als auch für die inzwischen abgebrochene Basketball-Saison gelten dürfte. Foto: Dennis Bacher
Für das Nordkurier-Foto nahm Guido Winter zum ersten Mal im Jahr 2021 einen Basketball in die Hand. „Die Luft ist raus“, bemerkte der 44-Jährige – was sowohl für den Ball als auch für die inzwischen abgebrochene Basketball-Saison gelten dürfte. Foto: Dennis Bacher

 

Ueckermünde. Der letzte Liga-Sieg einer Ueckermünder Basketball-Mannschaft liegt schon eine ganze Weile zurück. Fast 13 Jahre sind vergangen, seitdem die Korbjäger des SV Einheit zuletzt ein Pflichtspiel gewannen. Dazu muss man sagen: In den Jahren danach wurde am Haff zwar weiterhin trainiert, um Siege in einer Liga ging es jedoch lange nicht mehr. Dies änderte sich im Jahr 2019, als die Ueckermünder „BallRox“ – so nennt sich die Mannschaft seitdem – nach langer Abstinenz wieder einmal für den Spielbetrieb meldeten. Ein Sieg gelang den Neulingen in ihrer Premierensaison 2019/20 zwar noch nicht, sollte im zweiten Spieljahr allerdings unbedingt folgen. Das Coronavirus schob dieser Hoffnung der „BallRox“ jedoch vorerst einen Riegel vor: Noch vor dem ersten Spieltag sagte der Basketballverband die Saison 2020/21 komplett ab.
Der Spielbetrieb wird in den Ligen des Landes frühestens im Herbst fortgesetzt. „Das Ziel ist dann ganz klar der erste Sieg“, macht Guido Winter schon jetzt deutlich. Der 44-Jährige ist Teil des Teams, versteht sich auf dem Feld als eine Art „Aushilfskraft“, „ich springe dort ein, wo Not am Mann ist“, sagt er. Die Niederlagenserie der ersten Spielzeit macht er vor allem am Erfahrungsdefizit seiner Mannschaft fest. „Wir waren frisch dabei und spielten gegen Mannschaften, die zum Teil schon seit fünf Jahren zusammen spielen. Die Jugendlichen waren nervös, und außerdem wachsen die ‚Großen‘ hier nicht unbedingt auf den Bäumen. Ich will nicht sagen, dass wir nächste Saison um den Titel mitspielen, aber als Kanonenfutter möchten wir uns ganz sicher nicht erneut präsentieren.“ Voraussetzung dafür sei natürlich, dass die Mannschaft so bleibt, wie sie vor dem Lockdown war. Im Optimalfall könnte „BallRox“-Trainer Daniel Havlitschek dann auf 16 Aktive bauen – er selbst ist als Spieletrainer einer von ihnen.
Es sind vor allem die Jugendlichen, von denen sie sich beim SV Einheit in Zukunft sehr viel versprechen. Die Ueckermünder Basketball-Abteilung hat es geschafft, das Interesse der Jugend an dem Sport deutlich zu steigern. Etwa 25 Nachwuchsbasketballer trainierten vor dem Lockdown bei den „BallRox“ in drei Trainingsgruppen – etwa ein Drittel davon ist weiblich. Es wird zwar noch dauern, bis die Oberligamannschaft von dieser Entwicklung profitieren könnte, zu den Männern gehören aber schon jetzt einige Basketballer aus den jüngeren Semestern. Sie sind 18 oder 19 Jahre alt – ein Alter, in dem nicht Wenige ihre Heimatstadt verlassen. „Da kannst du nur hoffen, dass die Jungs in Rostock oder Greifswald studieren“, sagt Winter. Das aktuelle Team ist um die erfahrenen Falko Ramm, Remo Honerjäger, Maik Bretschneider und Guido Winter gebaut, die zum Teil bereits seit der Gründung in den 90er-Jahren aktiv sind und zum ersten Sieg im offiziellen Spielbetrieb seit 13 Jahren beitragen wollen.
„Basketball-Urknall“ erschüttert das Haff
Angefangen hat alles kurz nach der Wende. Galt der Sport zu DDR-Zeiten noch als unpopuläre Beschäftigung, die vom Ministerrat – im Gegensatz zu Sportarten wie Fußball, Handball, Turnen, Leichtathletik und Judo – als nicht förderungswürdig erachtet wurde, da keinerlei Chancen auf Medaillen bei den Olympischen Spiele bestanden, war in den 90ern plötzlich eine gewisse Basketball-Euphorie in der Stadt zu spüren, wie sich Guido Winter erinnern kann. Ausgelöst, durch den spektakulären Auftritt der Amerikaner bei den Olympischen Spielen im Jahr 1992, der sich als eine Art „internationaler Urknall“ des Sports erwies. Die US-Basketballer spielten sich in Barcelona in überlegener und spektakulärer Manie zur Goldmedaille und machten sich als „Dream Team“ auch am Haff einen Namen. „Das hat uns damals ganz schön imponiert“, erzählt Guido Winter, der sich schon vor dem Triumph der „Allstars“ um Magic Johnson, Michael Jordan, Scottie Pippen und Co. immer mal wieder mit Freunden auf dem Hof zum Körbewerfen traf. Vom Hype der Sommerspiele angesteckt, ließen sich fortan immer mehr Jugendliche in Ueckermünde blicken, um – wo immer ein Korb hing –, die Dribblings und Würfe der Stars aus Übersee nachzuspielen. „Fuhr man damals mit dem Fahrrad durch Ueckermünde, sah man überall Leute spielen. Man stieß dann einfach dazu und spielte mit“, schwärmt Winter vom Sommer 1992.
Die Euphorie-Welle schwappte schließlich auch an die Schulen. Gemeinsam mit seinem Kumpel Falko Ramm, einem weiteren „Basketball-Urgestein“ der Region, besuchte Winter das Gymnasium in Eggesin. „Da gab es einen Lehrer, der eine Art Basketball AG gründete“, so Guido Winter. Relativ zeitgleich lernten sie mit dem damaligen Vorstandschef des SV Einheit Ueckermünde, Guido Pietzke, einen Trainer kennen, der ein Herz für Jugendliche hatte und offen für neue Trends war. Er bot den Jungs eine Heimat und organisierte die ersten Streetball-Turniere in Ueckermünde. „Für uns Jugendliche war es wichtig, dass sich jemand kümmerte.“
Zum Jahresbeginn 1994 gründete sich im Verein schließlich eine eigene Basketball-Abteilung, mit den damals 17-jährigen Falko Ramm und Guido Winter als Aktive. „Man hat jede Gelegenheit genutzt, um zu spielen“, erinnert sich der inzwischen 44-jährige Winter, der sich als Kind erst im Bodenturnen ausprobierte, anschließend als Ringer und Schütze agierte, ehe er sich gänzlich dem Sport aus den Staaten verschrieb.
Spricht man den heutigen Trainer der Ueckermünder „BallRox“-Mannschaft, Daniel Havlitschek, auf Guido Winter an, dann fallen ausschließlich lobende Worte. Winter spielte, dem Vernehmen nach, eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des lokalen Basketballsports. Man könne ihn im wahrsten Sinne als „Mädchen für alle“ bezeichnen. Gemeint sind die zahlreichen Funktionen, die Guido Winter bekleidet. Der 44-Jährige ist nach wie vor aktiver Spieler in Ueckermünde, trainiert den Nachwuchs im Verein, leitet seit fünf Jahren die Basketball-Abteilung, ist Teil des Vereinsvorstandes und seit dem vergangenen Jahr sogar stellvertretender Vorsitzender des SV Einheit. Er pfeift am Wochenende Landespartien und ist außerdem als Datenschutzbeauftragter im Verbandspräsidium beschäftigt.
Beruflich bedingt pendelt Guido Winter zudem regelmäßig zwischen Ueckermünde – wo er Haus und Hof zu versorgen hat – und Schwedt, wo er einen Job am Amtsgericht ausübt.
Winter: Eine Zeit lang war alles eingeschlafen
Der Olympia-Hype hielt in den 90ern leider nicht allzu lange an. An regelmäßigen Spielbetrieb war für die Basketballer vom Haff nach der Gründung der Abteilung noch nicht zu denken, zu viele Kilometer hätten für die Auswärtspartien zurückgelegt werden müssen, zu wenig Geld stand damals zur Verfügung. „Wir haben hauptsächlich trainiert“, erinnert sich Guido Winter – hin und wieder gab es Turniere. Mit der Zeit verloren einige die Lust an dem Sport, andere nahmen ein Studium fernab der Heimat auf, wieder andere wollten regelmäßig spielen und schlossen sich einem entsprechenden Verein an. „Eine Zeit lang war alles eingeschlafen“, sagt Winter.
Im Jahr 2001 erlebte die Basketball-Abteilung beim SV Einheit Ueckermünde einen zweiten Frühling. Ehemalige Korbjäger hatten ihren Studienabschluss inzwischen in der Tasche und kehrten zurück ans Haff. „Macher“ Falko Ramm, der zwischenzeitlich zum SV Turbine Neubrandenburg gewechselt war, gab ebenfalls seine Rückkehr bekannt. Von diesem Schwung gepackt, beteiligten sich die Ueckermünder im Herbst des Jahres erstmals an der Basketball-Landesliga, seinerzeit der untersten Spielklasse in Mecklenburg-Vorpommern. In der Saison 2007/08 belegte der SV Einheit in der Landesliga Ost den vierten Platz, danach wurde es wieder still um die Abteilung. „Einige Aktive wurden Vater, andere bauten Häuser“, erklärt Guido Winter den erneuten Rückschlag.
Nachdem Ueckermündes Vereinschef Guido Pietzke im Jahr 2010 plötzlich und unerwartet starb, nahmen die Basketballer um Guido Winter und Falko Ramm die Organisation in die Hand. Obwohl sie inzwischen weg vom offiziellen Spielbetrieb waren, machten sich die Ueckermünder in der Basketball-Landschaft von Mecklenburg-Vorpommern einen Namen. Zahlreiche Turniere und Minicups waren der Beweis. Diese Entwicklung beobachtete auch der Präsident des Landesbasketballverbandes: Daniel Havlitschek lernte Winter und Ramm auf dem Basketballplatz kennen, seit 2017 ist Ueckermünde seine Heimat und der SV Einheit sein Verein.
Gemeinsam gingen die Verantwortlichen an die Schulen und schafften es, wieder zahlreiche Kinder für den Sport zu begeistern. Zudem brachten die „Alten“ um Falko Ramm und Remo Honerjäger ihre Söhne mit zum Training, die wiederum Kumpel von einem Beitritt überzeugten. „So kam wieder Schwung rein“, erinnert sich Winter. Dieser Schwung mündete 2019 in der Rückkehr in den Ligabetrieb. Bei ihrem letzten Heimspiel vor der Zwangspause verfolgten mehr als 100 Zuschauer das Spiel der „BallRox“ – ein Rekord für die Abteilung. „Das schaffen ja noch nicht mal die Fußballer“, meint Winter, der ein ansteigendes Basketball-Interesse in der Region durchaus bestätigen kann, aber zur Vorsicht rät: „Wer weiß, wie das ist, wenn es wieder losgeht.“ Er weiß, wie schnell ein Hype vorbei sein kann.
Basketball spielen ist seit Monaten kaum bis gar nicht möglich. Guido Winter schätzt, dass der Hallensport der letzte sein wird, der wieder erlaubt sein wird. Fit hält er sich derzeit vor allem auf seinem Indoor-Fahrrad, fast 700 Kilometer hat er darauf bereits zurückgelegt. „Es ist nicht dasselbe, wie in der Halle zu spielen, aber besser als nichts“, sagt er.  Für das Foto im Nordkurier nimmt Guido Winter zum ersten Mal im Jahr 2021 einen Basketball in die Hand. „Die Luft ist raus“, sagt er – was sowohl für den Ball als auch für die inzwischen abgebrochene Basketball-Saison gelten dürfte. Im Frühling möchte er nach langer Zeit mal wieder ein paar Körbe werfen gehen. Für den ersten Liga-Sieg seit 13 Jahren dürfte schließlich etwas Training vonnöten sein.

 
 
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